The Big Easy

Die Scheisse damals mit West und Jensen

Woran ihr euch erinnert…

… nachdem Phil Prof. West und Wayne Jensen das Genick gebrochen hatte, kamen Sash und Val mit dem Van an. Ihr seid dann gemeinsam zu Cicero gefahren. Dieser hat euch über die Ereignisse des Abends ausgefragt, ihr habt gelogen, und er hat es gemerkt. Er sah sich daher gezwungen Jimmy Heathen bescheid zu geben und rief ihn an, erklärte ihm grob die Situation. Jimmy schien vorbeikommen zu wollen und Cicero mit der Aufgabe zu betrauen auch Helix hinzuzuholen. Als Cicero zum Hörer griff, saht ihr keine andere Möglichkeit, die ganze Sache mit den Objekten und eurem geplanten Einbruch bei George Tracer geheim zu halten, als Cicero anzugreifen und von hier zu fliehen. Um dann später Jimmy gegenüber alles abzustreiten oder was auch immer… so viel habt ihr jetzt auch nicht in dieser hektischen Situation nachgedacht. Es entbrannte jedenfalls ein kurzer Kampf mit Cicero, Val und Sash – der von euch ausging. Doch ihr hattet ihn verloren, und die Schwärze der Starre umfing euch. Wohl wissend, dass ihr jede Menge Scheiße gebaut habt. Als ihr in einem kahlen Keller erwacht, werdet ihr bald mit Cicero, einem äußerst zornigen Jimmy und Helix konfrontiert. Jimmy lässt eine Tirade los, und weist dann Helix an, euch ein paar Fragen zu stellen. Doch seltsamerweise fühlt ihr nicht den Drang, die Wahrheit zu erzählen, und so lügt ihr weiter, verbergt alles mit den Objekten und dem geplanten Einbruch bei Tracer. Scheinbar tut Helix nur so, als würde er seine Fähigkeit bei euch anwenden, macht es aber nicht wirklich… Euch wird klar, dass ihr Helix einen richtig dicken Gefallen schuldet. Letztlich erklärt ihr, dass ihr nur auf der dringenden Jagd nach einem Vampirjäger ward. Dass ihr Cicero angegriffen habt muss wohl daran gelegen haben, wie ihr erklärt, dass ihr zwei heftige Kämpfe hinter euch hattet, eine Menge Feuer und Blut gesehen hattet, und dann durch Ciceros auftreten sehr gereizt wurdet. Jimmy erklärt: „Nun, wenn der Löwe aus dem Käfig ausbricht, bestrafen wir den Zoowärter, richtig?“ Richtig. Jimmy ruft den Sheriff und es geht zusammen ins Perdido Haus, wo ihr eine Gerichtsverhandlung zu erwarten habt. Eurem Regenten und der Princeps wird dieses gemeldet, und jemand wird euch verteidigen dürfen, wenn er denn will…

Ihr seid angeklagt in den Punkten:

- Die Herde eines Regenten getötet zu haben, ohne den Regenten oder seinen Vogt konsultiert zu haben.

- Es unterlassen zu haben, die höheren Behörden auf die Gefahr von Vampirjägern aufmerksam zu machen.

- Sich vollwertigen Bewohnern einer Domäne, auf ihrem zugesprochenen Turf widersetzt zu haben.

- Den Vogt einer Domäne in seiner Zuflucht angegriffen zu haben.

- Respektloses Verhalten gegenüber einem älteren Würdenträger.

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Kühle Nächte
Ein Stück über Cassy

Bevor sie sich aufmachte, hinterließ Cassidy noch eine Notiz auf Gerald’s Theke:

Bin in ein paar Nächten wieder da.

Falls ihr schon weg seid, legt mir ’nen Zettel hin oder tagt schon mal ’n bischen die Häuser zu.

At Phil: Wenn du Bock auf Videosession hast: Kleine, schwarze Umhängetasche unter dem Rucksack. Niemand außer G-Man oder Lawrence rühren sie an, wer sie schrottet, ist ein toter Mann.

Seid bitte vorsichtig mit meinem Fotoentwicklungszeug.

Dann ging sie hinaus in die Nacht. Die anderen müssten jetzt aufwachen, sie selbst war schon etwas eher wach geworden als sonst. Die Unruhe der letzten Tage war immer wieder in ihr aufgewallt und auch, wenn sie es sich vor den anderen nicht anmerken ließ, war sie über so einige Geschehnisse seit ihrer Ankunft in New Orleans oder eher seit ihrer Neugeburt noch nicht recht weggekommen. Ihr kamen immer wieder Bilder in den Kopf, die traurig-bittere Mine von Alice, die sich selbst ihre Tat nicht verzeihen wollte, die Nachricht, die Cassidy ihr in naiver, fester Hoffnung, sie wiederzusehen, auf ihre Matratze gelegt hatte, der verrottete Hooper zu ihren Füßen und sein Blut in ihrer feuchten Kleidung, der unterkieferlose Spast in ihrem Keller, Phil, aus dessen Bauch die Gedärme quollen bei starrem Blick und manches andere. Sundown und Konsorten würden darüber wohl nicht mal mit der Wimper zucken. Aber mit Menschsein war es eben erst seit zwei, drei Monaten Sense, was will man da erwarten.

Sie wollte jetzt endlich mal für sich sein, und wenn auch nur für ein paar Nächte. Kleiner Spalt, sich selbst auf die Spur zu kommen. Jetzt, wo sie unterm Asphalt übertagen konnte, sollte das kein Problem sein. Und so schwer konnte es auch nicht sein, solo zu jagen. Matty und die Meadows kamen schließlich auch allein klar. Die Meadows, ja.. Aber das war noch ein zwar Neugierde erregendes, aber anderes Thema. Die kühle Nachtluft strich ihr durchs Haar während sie in die 53te einbog. Solang es noch früh genug war, sollte sie sich etwas überlegen, damit sie zu einem kleinen Snack kommen konnte. Irgendwo hier musste es doch genug junge Leute geben, die einen drauf machten, um sich mit einem der Gutaussehenderen oder wenigstens Passablen in eine schummerige Ecke verdrücken zu können.. Zwei Stunden später und um das über den Tag verlorene Blut reicher streifte sie weiter durch ihr Revier. Was nun? Sie dachte wieder an Matty, und dass sie ihm eigentlich mal wieder einen Besuch abstatten könnte. Es war zwar jedes Mal etwas anstrengend, durch sein Gestammel nicht den Faden zu verlieren, aber seine unkomplizierte, simple Natur war eine echte Erholung bei dem ganzen Chaos, in das die sechs ständig gerieten. Mal runterkommen, sich erden, so was in der Art. Außerdem tat es ihr gut, zu spüren, dass jemand dankbar war einfach nur, weil sie da war. Und nun, wo sich einen kleinen Pfadfinderurlaub nahm, könnte sie sich eigentlich wieder mal etwas von ihm abschauen – Alice kam ihr in den Sinn. Cassidy war immer noch beeindruckt von der grimmigen zerbrechlich anmutenden Frau, die ohne Anstrengung einen Metalltisch mit ihren brutalen Klauen zerteilte wie ein Stück Butter. Einerseits fand sie es richtig scharf, selbst ihre Hände zu solchen durchschlagenden Argumenten verwachsen lassen zu können. Aber es mahnte sie auch unwillkürlich an die Nacht, in der sie die Kontrolle verlor. Ihre von den kurzzeitig gebrochenen Rippenbögen immer noch zerrissenen Organe auf ihrer linken Körperhälfte waren ein Andenken daran. Zwar hat sie dem armen Hooper nicht absichtlich die Kehle herausgerissen. Aber man muss auch lernen, Dinge zu kontrollieren, für die man nichts kann. Und was aus diesem Rick hätte werden können, wenn sie im Kampf ausgetickt wäre und das mit den Klauen schon drauf gehabt hätte – ’n hübsches rottes Steak wahrscheinlich. Inzwischen verstand sie Alice. Aber verdammt nochmal, ihr Tier war eben ungezähmter als andere, und warum sollte sie ihrer Herkunft den Hals abdrehen! Ihre Erzeugerin und ihr Freund und Mentor hatten sich auch im Griff, ohne unterzugehen oder zum kastrierten Plüschterrier zu werden. Und was ist da angemessener, als sich mit seinen naturgegebenen Waffen zu verteidigen, wenn es hart auf hart kommt. Hin und her gerissen wallte Trotz in ihr auf. Und schon fand sie sich festen Schrittes in den Straßen der obdachlosen Schützlinge von Matty und fragte sich durch zum einsamen Beschützer.

’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’ Durch die kühlen Straßen, Gassen und Dächer führten Ihre Schritte und langsam wurde ihr klar, dass sie wirklich ein Ziel brauchte, ein Streben. Lawrence hatte sein Fernstudium und die Bücherstöberei bei Koko und Opal, Tim hatte ein Buch und einen Regenschirm, Phil eine Liebhaberin (der Glückliche) und Ethan hatte auch irgendwas am Laufen, worüber er sich ausschwieg. Sicher gäbe es irgendetwas, was man aus Sicht des eifrigen Schreiberlings mit den anderen Carthianern auf die Beine stellen könnte. Aber über die Bewegung war vorerst alles gesagt und nach Politik war ihr momentan weniger. Ein merkwürdiges Gefühl eigentlich, aber in den letzten Wochen fiel ihr auf, dass eben das schon mal interessanter für sie war. Ob das auch eine Folge der Verwandlung war? Aristokratische Verdummung für Flachgeistkonversation mit Raben? War das ein fairer Tausch? Darüber musste sie noch grübeln. Hat ja auch sicher seine guten Seiten, irgendwo.. Wo war sie grad.. – Ah ja: Macht und Ränkespiele, ein aufwendig verhakeltes Wer-mit-Wem und was für Energien dafür aufgebracht wurden, kompliziertes Gehader.. Nein, irgendetwas Praktischeres, Unmittelbareres musste her. Was Gutes, ab von diesen ganzen heißen und kalten Kleinkriegen. Langfristig eine Kartei über den ganzen Rotz, den die Starken hier mit den Schwachen veranstalteten? Einfach um der Wahrheit wegen, die zwar jeder kannte, aber wegsah oder sie ausnutzte. AUßerdem schadete es nie, zu wissen, wer welchen Dreck am Stecken hatte. Und kurzfristig.. ihr stellten sich immer noch die Nackenhaare auf, also wenigstens würden sie es, wenn ihr Körper diesen Reflex noch zeigen könnte, wenn sie sich vorstellte, wir die vier Spasten auf ihren guten Freund eindroschen. Sowas hatte sie schon als normaler Mensch stinkwütend gemacht. Und wenn man vielleicht mehr machen könnte, als nur einzugreifen, wenn sie in eine solche Szene stolperte? Schließlich war ihre Kamera verdammt gut, ebenso die lichtempfindlichen Filme. Und aus einem sicheren Winkel heraus mit genügend Freiraum zum Verduften.. Hm, vielleicht sollte sie mal Ethan drauf ansprechen, der kennt sich mit den Arbeitsweisen von Polypen besser aus. Oder mal wieder Filmkritiken und Konzertberichte schreiben, das wäre groß.. Aber bei der Terminplanung in dem Laden hier, naja. Aber zumindest ab und an musste das drin sein können. Sie müsste nur noch den freundlichen Redaktionsmenschen von nebenan aufgabeln. Überhaupt fehlte es ihr, unter Menschen zu sein, einen bunten Haufen an jungen Leuten um sich herum.. Feiern, anlehnen, ablenken und das alles. Naja, Menschenkram halt. Wie bescheuert das klingt. Als ob sie keiner mehr wäre, nur weil ihr Körper ein bisschen toter war als andere! Und da war er schon wieder, der Trotz. Sie umschloss den Anhänger von ihrer kleinen Schwester in der Hosentasche und spürte den warmen, glatten Stein in der Mitte. Wenn die anderen nicht wären, hätte sie inzwischen sicher so arg einen an der Marmel wie Pearl oder die Meadows. Mann, die Frau muss echt einsam sein. Wer zu lang als Einzelkämpfer unterwegs ist, verläuft sich früher oder später. Vor allem, wenn man enttäuscht wurde. Irgendwas war da doch..

Aber hin oder her, langsam wurde es auch Zeit, wieder ins traute Heim zurückzukehren. Mal sehen, ob die Jungs noch da waren. Wehe, wenn der Umzug schon durch war und jemand ihre Sachen auch nur schief angesehen hatte.. Der würde sich auf was gefasst machen müssen!

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An Tagen wie diesen...
Ein Stück über eine atmende Cassy

Cassidy stieß sich deftig die Nasenwurzel, als sie sich mit dem Gesicht voran auf das Bett fallen ließ. Im schwachen Licht der Flurglühbirne, deren Helligkeit kaum in der hinteren Hälfte ihres einzigen Zimmers ankam, hatte sie die Fernbedienung auf dem Kopfkissen übersehen und rammte sich das Teil mit der Falldynamik eines nassen Mehlsacks voll vor die Stirn. ‚Vvdmt..’, nuschelte sie ins Kopfkissen und blieb einige Momente so liegen, bevor sie sich wenig motiviert auf den Rücken drehte. Sie hielt mit einer Hand ihre Nase fest und ließ den in wunderbarer Vollkommenheit vermurksten Tag an sich vorbei ziehen:

Nachdem sie gestern um Punkt 23:25 Uhr die letzte Pizza ausgeliefert und 20 Minuten später die Pizza-Blitz-Vespa vor der Filiale abgestellt hatte, musste sie noch eine halbe Stunde zu Fuß nach Hause tapern, weil um diese Zeit keine Busse mehr in ihre Richtung fuhren. Wenigstens war es Sommer, so dass man sich zu dieser Stunde nicht den Hintern abfror und man bekam ab und an eine Nase voll Cannabis-Flavour von den Freiluft-Kiffer-Kids, die nach Sonnenaufgang garantiert immer noch unter den Büschen liegen würden, anstatt vor der Tafel zu sitzen und mal nebenbei was für Ihre Zukunft zu tun. In dieser Nacht schlief sie so fest, dass ihr penetranter Wecker zu einer wütend schnaubenden Dampflok wurde, die bescheid pfiff, dass sie bald losfahren wird, nach Ghana, wohin ihre mit Cassidy’s schwarzem Nachbarn durchgebrannte Mutter ausgewandert ist. Schräg. Ihre Mutter mit diesem Freak. Warum nicht mit dem Latin-Lover aus der Campariwerbung? Dieser Typ war Cassidy schon kurz nach ihrem Einzug irgendwie merkwürdig vorgekommen. Sie wusste von ihm nur, dass er irgendetwas Freischaffendes machte, die meiste Zeit über zuhause blieb und ab und an extravaganten Damen- und Herrenbesuch bekam, augenberingte Möchtegern-Späthippies, Geschäftsmänner, die aussahen, als wären sie keine, überstylte Straßennutten und andere Gestalten. Wenn sie sich im Hausflur trafen, schaute er sie jedes Mal verklärt an und nickte ihr mit halbgeschlossenen Augen wissend zu. Ihr wurde dabei immer etwas mulmig. Zum Glück passierte das nicht so häufig. Als in dem Zugabteil der leicht übergewichtige Lebensmittelkettenchef sie mit seinen fiesen Schweinsaugen durchbohrte und nach ihrem Fahrschein verlangte, schoss sie hoch: Sechs-Uhr-Schicht, Regale füllen, Kasse! Fuck! Sie stürzte ohne Frühstück – der Kühlschrank war ohnehin leer – aus dem Haus auf das Rad zum Laden und in ihre Arbeitsklamotten. Eine halbe Stunde zu spät schlug sie dort auf und lief trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Mr. Blotts, dem Besitzer des Ladens, von ihr auch hingebungsvoll Sklaventreiber, Diktator oder Tyrann genannt, in die Arme. Nachdem er seinem Geltungsdrang Luft verschafft und sie erfolgreich mit Drohungen wie: „Wenn das noch ein einziges Mal vorkommt, werden Sie bald mehr als genug Zeit zum Pizzen-Ausliefern haben!“ erfolgreich zusammengefaltet hatte, ließ er sie nach Ihrer Schicht noch so lange im Lager frisch eingetroffene Waren einsortieren, dass sie beinahe Ihre Vorlesung verpasst hätte. Mieser Pigfucker. Er ist ein riesiges Arschloch, aber er erkennt sofort den wahren Grund für jede noch so überzeugende Notlüge. Und hält sich für das Zentrum der Welt. Wahrscheinlich wollte er schon als Kind Leiter eines Konzerns oder Kriegsaußenminister werden und muss die Enttäuschung, nur ein Furz an Filialleiter zu sein, über die armen Studenten und allein erziehenden Müttern kompensieren, die die Drecks-Leibeigenen-Arbeit für ihn erledigen dürfen. Dreck. Wenn sie etwas Besseres, als diesen Saftladen zusätzlich zur Fahrerei fände, würde sie ihm sofort dieses dämliche Hemd vor die Füße pfeffern und ihm ins Gesicht schmettern, dass er endlich den Finger aus seinem selbstgefälligen, breit gesessenen, faulen Arsch nehmen soll. Er wusste genau, wann sie Vorlesungen hatte und es war nicht das erste Mal, dass er sie zu diesen Tagen so lange arbeiten ließ, dass sie Mühe hatte, sie nicht zu verpassen. Auch für den Tennisball in seinem Auspuff musste sie herhalten, obwohl er nie nachweisen konnte, dass ausgerechnet sie ihn dort so sauber reingestopft hatte. Sein Gesicht am folgenden Morgen war allerdings jedes Opfer wert gewesen. Aber sie brauchte den Job, und deshalb biss sie die Zähne zusammen und sortierte brav, während sie leise vor sich hinfluchte. Mit schlechtem Karma schadet man nur sich selbst, er würde also eines Tages schon noch sein Fett wegbekommen.

Mit dieser befriedigenden Gewissheit schwang sie sich aufs Rad und flog über rote Ampeln und durch Schleichgassen, bis sie völlig durchgeschwitzt an der Uni ankam, das Rad von sich warf und sich zu den anderen Journalistik-Studenten in den Hörsaal schlich. Wobei „zu den anderen Studenten“ rein sachlich gesehen falsch war, da sie nicht tatsächlich eingeschrieben war. Sie durfte hier nur vom elitären Wissen nutznießen, weil ihr ehemaliger Lehrer für Kunst und Gestalten sich bei einem befreundeten Professoren tatkräftig für sie eingesetzt hatte. Plötzlich war doch noch ein Gästeplatz frei und sie durfte sich ab nun ebenfalls in die Materie knien, wenn auch nur als Gasthörerin mit Sonderstatus und nicht als ordentliche Studentin mit Abschluss. Ihrem Eifer tat das keinen Abbruch.

Mr. Lucas war ein vollkommen korrekter Typ und griff Cassidy in ihrem letzten Jahr bei ihrem Filmprojekt mit Materialien und guten Ratschlägen unter die Arme, damit sie ein Stipendium für moderne Medien und kreatives Artwork bekommen konnte. Wenn sie an die Uni wollte, war sie darauf angewiesen, denn ihre Mutter hatte selbst kaum genug Geld, und weil Cassidy’s Erzeuger mit seinen Anwaltsgeiern alle Hähne zugedreht und die Prozesse hinausgezögert hatte, nachdem er sich verdünnisiert hatte, bekam sie auch keine anderweitige Förderung. Die Mühlen der Behörden mahlen zudem sehr langsam. Leider wurde ihr das Stipendium von ’nem Mädel vor der Nase weggeschnappt, die aussah, als würde sie Bäume für Tibet pflanzen und jeden Abend bei einem Grüntee eine Träne weinen gedenk der hilflosen Menschen dieser Welt. Ihr weichzeichner-verschleierter Film über irgendwelches rührseeliges Geschnulze war offenbar ansprechender, als verzerrte Wahrnehmungen rumgeschubster Menschen in heimischen U-Bahnschächten. Vielleicht war ihr Werk der ehrbaren Jury auch nur zu ehrlich. Dabei hatte Cassidy ihre filmischen und technischen Mittel weit überzeugender ausgereizt als die Mitleids-Queen. Nach der folgenden, sehr langen Nacht steckte Mr. Goodguy Lucas nach dem Unterricht mit ihr und einer Idee die Köpfe zusammen und ließ sie eine Woche darüber schlafen. Am Ende verhungert man an Film und Kunst, wenn man sich von Anfang an nur auf sie verlässt, anstatt sie reifen zu lassen. So entschied sich Cassidy für den Anfang ihrer Karriere für den Skandal- und Katastrophenjournalismus: Wenn das Geld für Anspruchsvolleres noch nicht reicht, dann eben den Gutbürgern die hässlichen Seiten unserer Gesellschaft auf diesem Weg unter die Nase reiben. Opfer von Diktaturen, Manipulation, Drogen, Gewalt und Gleichgültigkeit, vom Säugling bis zum Sibirischen Fleck-Ren. Rumkommen und keine Wurzeln schlagen, immer ein Nächstes, das gezeigt werden will. Mit Glück bewegt es sogar etwas. Es war zwar nicht ihre erste Wahl, aber wenigstens etwas, das die Uhren nicht stillstehen lässt. Wie immer fängt jeder klein an, und wenn es mit einem phänomenal niedrig aufgelegten Outsiderblatt ist, in der die steigende Selbstmordrate der Oberschichthausfrauen diskutiert und über eigens organisierte Demonstrationen gegen was auch immer berichtet wird. Immerhin, es ist ein Anfang. Einige dieser Demos waren sogar nicht übel, Cassidy ließ sich u.a. vorigen Sommer mit weiteren Leuten an die Halfpipes auf dem großen Skate-Park ketten, der für einen neuen Walmart planiert werden sollte, und zwei Monate später haben sie einem Pelzhersteller soweit nachspioniert, dass sie sehr unerfreuliche Aufnahmen machen konnten. Dort hat sich ihr meist sportlicher Dress im Press-Biz das erste Mal bezahlt gemacht, denn an diesem Abend musste sie sich sehr plötzlich sehr schnell sehr weit weg begeben. Der Bericht hat sich sogar bis in die echte linke und ökologische Lokalpresse durchgesetzt und sie hatte sich dabei die ersten echten Frei-Reporter-Dollar für die Abzüge verdient. Inzwischen geht sie kaum noch aus dem Haus, ohne sich wenigstens mit ihrer Schnappschuss-Kamera und ihrem Diktiergerät zu bewaffnen. Man weiß ja nie. Sonst hätte sie wohl auch nie das Gerücht über Misses Unschuldslamm-Taschenträgerin und Mr. Fawlty, einem noch nicht ganz angestaubten Geschichtsdozenten, bestätigen können. Es war ein glücklicher Zufall und weder hat sie die Schüsse jemandem gezeigt, noch würde sie es jemals ausnutzen, aber ihr Ego war seitdem um zwei Meter größer.

Sie ließ sich also auf den erstbesten Stuhl des Hörsaales plumpsen und hatte ein „Hast’ mal was zum Mitschreiben?“ schon ausgesprochen, bevor sie überhaupt darauf acht gegeben hatte, wen sie sich für die nächsten zwei Stunden als Nachbarn ausgesucht hatte. Lesley Barnes, der den Eindruck eines übereifrigen Wettersprechers machte, der es nicht ertragen kann, wenn ein anderer als er zackiger das kommende Tief Emanuelle anzukündigen fähig war, machte einen seufzenden Gesichtsausdruck, musterte skeptisch ihr Outfit von halblangen Cargos, dicken Wanderstiefeln und einem Shirt, dessen Kragen von ihr mit einer Schere weiter ausbequemt worden war und unter dem sie offenbar keinen BH trug. (Cassidy war ohnehin der Meinung, dass sich das bei ihr nicht lohne und daher verschwendetes Geld wäre – außerdem beschere so etwas den Jungs unnötig peinliche Momente). Sein Blick blieb an den Respekt gebietenden Schweißflecken unter ihren Achseln kleben. „Willst’ ne Nase?, ganz frisch, astreiner Stuff.“ Er rümpfte die Nase und zog eine Augenbraue hoch. „Deine Eltern haben dir wohl ’ne Schweißdrüsen-OP zum Geburtstag spendiert, wie?“ Und mit einem überzuckerten Lächeln fügte sie hinzu: „Also, gibst du mir nun was zu Schreiben, Lesley – Bitte?“ Er schob ihr augenrollend ein paar Blätter Papier und einen Kugelschreiber zu und wandte sich angesäuert wieder dem Podium zu. Dr. Charleston betrat den Saal, die Vorlesung begann und bis zum Ende der Einheit drehte Cassidy ausdauernd, den Kopf zu Lesley geneigt, an ihrem Nasenpiercing und klackte immer mal wieder – für ihren Sitznachbarn gerade noch hörbar – den Metallring in ihrer Zungenspitze gegen die Schneidezähne.

Nach der Uni zügig nach Hause, unter die Dusche und weiter zur Blitz-Pizza. Der Job war eigentlich gar nicht so schlecht, Cassidy hatte am Ende der Schicht meistens ein gutes Trinkgeld zusammen und sie musste sich keine Gedanken über’s Mittag- oder Abendessen machen. Auch, wenn fünf Tage in der Woche anstrengend werden konnten, wenn man keine Wahl hatte. Wenn sich allerdings das schlechte Karma, das sie offenbar in der letzten Zeit angesammelt hatte, entscheidet, sich an einem einzigen Tag zu entladen, dann macht es das gründlich. So gründlich, dass Cassidy ein Teil ihrer Lieferung samt der Box kackdreist mittels einer Brechstange und anderem Handwerkszeug, das man als Ghetto-Spast im Handtäschchen hat, vom Roller abgegriffen wurde, während sie eben im sechsten Stock angekommen war, zu Fuß, weil in diesem Stadtteil die Aufzüge permanent außer Betrieb sind. Vielleicht hätte sie das mit dem Tennisball im Auspuff doch besser lassen sollen.. Der Rest war das Übliche: empörte Kunden, rasender Häuptling, schäumend ob der empörten Kunden, der Konfrontation mit der Versicherung und der verfuckten Asi-Jugend, und eine Cassidy, die einfach nur schnellstens nach Hause schlafen gehen und sich freuen wollte, dass der Tag bald vorbei ist.

Als sie endlich mit etwas Futter für den ausgezehrten Kühlschrank und einer halb aufgegessenen, kalten Blitz-Pizza in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung ankommt, ist es schon gegen 20:00 Uhr. ’Zu Hause – bahhh. Endlich Schluss mit diesem Affentheater, ihr könnt mich heute alle mal.’ Während sie die Sachen in den Kühlschrank räumt und den Rest Pizza in den Mikrowellenklotz schiebt, wird erstmal ein noch kühles Bier draußen behalten und genüsslich gekillt. Um diese Zeit müsste Jay eigentlich schon zu erreichen sein, Cassidy überlegt, ihn anzurufen. Jay war ihr Freund oder Ihr Techtelmechtel oder wie man es bezeichnen will. Sie lernten sich vor vier Monaten auf einem Crash-Heads-Konzert kennen, auf dem er brutal in sie reinpogte und erst erkannt hatte, dass sie das nicht sehr gefreut hat, nachdem sie ihm eine herzliche Headnut verpasst und ihm klar gemacht hatte, dass er ihr ein Bier schuldet. Er war unheimlich attraktiv, charmant, wenn er wollte, durchgeknallt, ungebunden und ansteckend. Wie sich herausstellte, schlug er die Drums in der Band eines oberflächlichen Bekannten von Cassidy und er hatte gut was drauf. Eigentlich war ein Traumtyp, sie hatten viel gemeinsam und hatten in jeglicher Hinsicht viel Spaß miteinander. Allerdings war er ein Blatt im Wind, und obwohl beide nicht festgelegt sein und einfach eine geile Zeit haben wollten, vermisste Cassidy etwas, auf das sie bisher nicht viel Wert legen wollte: Sicherheit, sich darauf verlassen können, eine gewisse Regelmäßigkeit. Er war auf eine egoistische Weise so unzuverlässig, dass Cassidy oft enttäuscht auf der Strecke blieb, wenn er an einem ihrer freien Abende wieder absagte oder einfach nicht aufkreuzte und sich im Nachhinein entschuldigte. Sie sah es ihm auch nach Streit und Tränen bisher immer nach, weil sie selbst viel Freiheit brauchte und sich nicht von anderen einengen lassen wollte. In letzter Zeit allerdings, war es so frustrierend, dass sie tatsächlich darüber nachdachte, ihm bei seinem nächsten Fehltritt ein Ultimatum zu stellen. Naja, aber wenigstens das kommende Wochenende würden sie nur für sich allein haben. Sie hatten sich vorgenommen, auf dem Motorrad eines Freundes in den nächsten kleineren Ort zu fahren, wo es mehr grün gibt, wieder in den Ästen von Bäumen liegen, wie sie es gern tat, auf den Dächern spazieren gehen, unter freiem Himmel ein Zelt aufschlagen und einfach ausspannen. ’Ja, das wird ’n scharfes Wochenende’, dachte sie sich und griff nun doch zum Hörer. Vor dem Einschlafen nochmal seine Stimme zu hören, würde diesen miesen Tag schneller vergessen lassen. Da fiel ihr auf, dass das Lämpchen am AB leuchtete. Es musste schon die ganze Zeit über geblinkt haben, aber sie hatte es im Stress völlig übersehen. Sie drückte auf den Play-Knopf.

„Hey Cassyschnäuzchen, ich bin am Wochenende mit den Jungs ne Tour durch die Gegend machen. Ich komm wohl so Dienstag wieder. Vermiss’ dich, Baby! Sei brav und mach dir schöne Tage! Ich freu mich schon auf nächste Woche, nur du und ich – ciao!“

FUCK!! Das konnte doch nicht sein, dieser Idiot! Er hatte tatsächlich das Datum verpeilt! Wütend und dem aufschießenden Frustflennen nah, warf Cassidy beinahe den Hörer aus dem geöffneten Fenster, besann sich eines besseren und nahm die bierleere Flasche. Es klirrte laut, als sie – von einem Laut der angestauten Enttäuschung begleitet – im Hinterhof zerschellte. Cassidy riss ihre Jacke an sich, nahm sich ein zweites Bier mit auf den Weg, warf die Tür knallend hinter sich zu und radelte wie eine Furie zum verfallenden Gebäude einer lange stillgelegten Fabrik auf dem einen Kilometer entfernten Industriegelände. Dieser Ort war einer ihrer Lieblingsplätze. Hier kam niemand hin. Er war verlassen und schäbig, auch etwas unheimlich, wie rottige Gebäude es immer sind und trotzdem breite es die Arme für jeden aus, der einfach seine Ruhe haben wollte, raus aus dem Sumpf. Selbst im Dunkel fand sie schnell den Weg auf’s Dach, hier erkannte sie mittlerweile jede Treppenstufe und jeden Raum blind. Sie legte die Jacke auf die steinstaubige Fläche, ließ sich darauf nieder und blickte weit weg. Es ist wahr, sie waren beide Wolfskinder, und sie ähnelten sich, als wären sie aus einem Wurf. Sie wollten frei bleiben und sich nicht für irgendjemanden oder irgendetwas biegen lassen, und sie sah nicht ein, wieso sie das vorbeiziehen lassen sollte. Aber Wölfe sind Rudeltiere, das galt auch für Cassidy. Und sie verdiente besseres, als den ewigen Streit, als lonesome one abgeschoben zu werden und mit seinem Rudel zu konkurrieren. Auf diesen ständigen Kraftakt konnte sie verzichten. Wie weit wären denn bitte Bonny und Clyde so gekommen? Die wären ja nach ihrem ersten Bruch niedergeschossen worden. Sie ließ das Bier ungeöffnet neben sich stehen und schaute frustriert, entschlossen und mit feucht-trotzigen Augen den Horizont an. ‚Hau doch ab, von mir aus brauchst du nicht wieder zu kommen’, war ihr Gedanke. ’Du bist nicht das einzige andere Wolfsblut in dieser Stadt, und bis ich es gefunden habe, streife ich eben allein durch die Straßen.’ Der Himmel über ihr war klar und sternenlos, der Mond stand halb voll. Sie stützte sich mit den Händen nach hinten hin ab, holte tief Luft und ließ ein letztes Mal für diese Nacht Ihren gesamten Frust raus.

Als sie nach ungefähr einer Stunde um einige Flüche leichter und um eine Entscheidung schwerer grad ihre Wohnungstür betreten wollte, sah sie, wie der durchgeknallte Schwarze auf halber Treppe aufwärts eine ziemlich kleine, hutzlige Oma mit einer Fuchsstola und orange-rot gefärbtem Haar verabschiedete. Er blickte Cassidy wie immer verklärt lächelnd an, nickte einmal halb mit schief gelegtem Kopf und wünschte einen guten Abend. Er wandte das Wort eigentlich an die Alte, blickte stattdessen jedoch Cassidy an. Dabei versah er seinen Gruß mit einem dezent fragenden Tonfall, den die meisten wohl überhört hätten. „Geht so. Was auch immer.“, gab Cassidy tonlos zurück, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen, drehte den Schlüssel zweimal herum und schob den Riegel vor. Eine Angewohnheit von ihr, gegen die, denen es nicht egal ist, ob sie gehört werden oder nicht. ‚Scheißschräge Freaks, verdammt. Fuck. Ach, ihr könnt mich alle mal.’ Cassidy beförderte das Bier rüde zurück in den Kühlschrank, tastete ihr Kopfkissen nach etwaigem Hartplastik ab und warf sich hundemüde auf’s Bett.

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