The Big Easy

An Tagen wie diesen...
Ein Stück über eine atmende Cassy

Cassidy stieß sich deftig die Nasenwurzel, als sie sich mit dem Gesicht voran auf das Bett fallen ließ. Im schwachen Licht der Flurglühbirne, deren Helligkeit kaum in der hinteren Hälfte ihres einzigen Zimmers ankam, hatte sie die Fernbedienung auf dem Kopfkissen übersehen und rammte sich das Teil mit der Falldynamik eines nassen Mehlsacks voll vor die Stirn. ‚Vvdmt..’, nuschelte sie ins Kopfkissen und blieb einige Momente so liegen, bevor sie sich wenig motiviert auf den Rücken drehte. Sie hielt mit einer Hand ihre Nase fest und ließ den in wunderbarer Vollkommenheit vermurksten Tag an sich vorbei ziehen:

Nachdem sie gestern um Punkt 23:25 Uhr die letzte Pizza ausgeliefert und 20 Minuten später die Pizza-Blitz-Vespa vor der Filiale abgestellt hatte, musste sie noch eine halbe Stunde zu Fuß nach Hause tapern, weil um diese Zeit keine Busse mehr in ihre Richtung fuhren. Wenigstens war es Sommer, so dass man sich zu dieser Stunde nicht den Hintern abfror und man bekam ab und an eine Nase voll Cannabis-Flavour von den Freiluft-Kiffer-Kids, die nach Sonnenaufgang garantiert immer noch unter den Büschen liegen würden, anstatt vor der Tafel zu sitzen und mal nebenbei was für Ihre Zukunft zu tun. In dieser Nacht schlief sie so fest, dass ihr penetranter Wecker zu einer wütend schnaubenden Dampflok wurde, die bescheid pfiff, dass sie bald losfahren wird, nach Ghana, wohin ihre mit Cassidy’s schwarzem Nachbarn durchgebrannte Mutter ausgewandert ist. Schräg. Ihre Mutter mit diesem Freak. Warum nicht mit dem Latin-Lover aus der Campariwerbung? Dieser Typ war Cassidy schon kurz nach ihrem Einzug irgendwie merkwürdig vorgekommen. Sie wusste von ihm nur, dass er irgendetwas Freischaffendes machte, die meiste Zeit über zuhause blieb und ab und an extravaganten Damen- und Herrenbesuch bekam, augenberingte Möchtegern-Späthippies, Geschäftsmänner, die aussahen, als wären sie keine, überstylte Straßennutten und andere Gestalten. Wenn sie sich im Hausflur trafen, schaute er sie jedes Mal verklärt an und nickte ihr mit halbgeschlossenen Augen wissend zu. Ihr wurde dabei immer etwas mulmig. Zum Glück passierte das nicht so häufig. Als in dem Zugabteil der leicht übergewichtige Lebensmittelkettenchef sie mit seinen fiesen Schweinsaugen durchbohrte und nach ihrem Fahrschein verlangte, schoss sie hoch: Sechs-Uhr-Schicht, Regale füllen, Kasse! Fuck! Sie stürzte ohne Frühstück – der Kühlschrank war ohnehin leer – aus dem Haus auf das Rad zum Laden und in ihre Arbeitsklamotten. Eine halbe Stunde zu spät schlug sie dort auf und lief trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Mr. Blotts, dem Besitzer des Ladens, von ihr auch hingebungsvoll Sklaventreiber, Diktator oder Tyrann genannt, in die Arme. Nachdem er seinem Geltungsdrang Luft verschafft und sie erfolgreich mit Drohungen wie: „Wenn das noch ein einziges Mal vorkommt, werden Sie bald mehr als genug Zeit zum Pizzen-Ausliefern haben!“ erfolgreich zusammengefaltet hatte, ließ er sie nach Ihrer Schicht noch so lange im Lager frisch eingetroffene Waren einsortieren, dass sie beinahe Ihre Vorlesung verpasst hätte. Mieser Pigfucker. Er ist ein riesiges Arschloch, aber er erkennt sofort den wahren Grund für jede noch so überzeugende Notlüge. Und hält sich für das Zentrum der Welt. Wahrscheinlich wollte er schon als Kind Leiter eines Konzerns oder Kriegsaußenminister werden und muss die Enttäuschung, nur ein Furz an Filialleiter zu sein, über die armen Studenten und allein erziehenden Müttern kompensieren, die die Drecks-Leibeigenen-Arbeit für ihn erledigen dürfen. Dreck. Wenn sie etwas Besseres, als diesen Saftladen zusätzlich zur Fahrerei fände, würde sie ihm sofort dieses dämliche Hemd vor die Füße pfeffern und ihm ins Gesicht schmettern, dass er endlich den Finger aus seinem selbstgefälligen, breit gesessenen, faulen Arsch nehmen soll. Er wusste genau, wann sie Vorlesungen hatte und es war nicht das erste Mal, dass er sie zu diesen Tagen so lange arbeiten ließ, dass sie Mühe hatte, sie nicht zu verpassen. Auch für den Tennisball in seinem Auspuff musste sie herhalten, obwohl er nie nachweisen konnte, dass ausgerechnet sie ihn dort so sauber reingestopft hatte. Sein Gesicht am folgenden Morgen war allerdings jedes Opfer wert gewesen. Aber sie brauchte den Job, und deshalb biss sie die Zähne zusammen und sortierte brav, während sie leise vor sich hinfluchte. Mit schlechtem Karma schadet man nur sich selbst, er würde also eines Tages schon noch sein Fett wegbekommen.

Mit dieser befriedigenden Gewissheit schwang sie sich aufs Rad und flog über rote Ampeln und durch Schleichgassen, bis sie völlig durchgeschwitzt an der Uni ankam, das Rad von sich warf und sich zu den anderen Journalistik-Studenten in den Hörsaal schlich. Wobei „zu den anderen Studenten“ rein sachlich gesehen falsch war, da sie nicht tatsächlich eingeschrieben war. Sie durfte hier nur vom elitären Wissen nutznießen, weil ihr ehemaliger Lehrer für Kunst und Gestalten sich bei einem befreundeten Professoren tatkräftig für sie eingesetzt hatte. Plötzlich war doch noch ein Gästeplatz frei und sie durfte sich ab nun ebenfalls in die Materie knien, wenn auch nur als Gasthörerin mit Sonderstatus und nicht als ordentliche Studentin mit Abschluss. Ihrem Eifer tat das keinen Abbruch.

Mr. Lucas war ein vollkommen korrekter Typ und griff Cassidy in ihrem letzten Jahr bei ihrem Filmprojekt mit Materialien und guten Ratschlägen unter die Arme, damit sie ein Stipendium für moderne Medien und kreatives Artwork bekommen konnte. Wenn sie an die Uni wollte, war sie darauf angewiesen, denn ihre Mutter hatte selbst kaum genug Geld, und weil Cassidy’s Erzeuger mit seinen Anwaltsgeiern alle Hähne zugedreht und die Prozesse hinausgezögert hatte, nachdem er sich verdünnisiert hatte, bekam sie auch keine anderweitige Förderung. Die Mühlen der Behörden mahlen zudem sehr langsam. Leider wurde ihr das Stipendium von ’nem Mädel vor der Nase weggeschnappt, die aussah, als würde sie Bäume für Tibet pflanzen und jeden Abend bei einem Grüntee eine Träne weinen gedenk der hilflosen Menschen dieser Welt. Ihr weichzeichner-verschleierter Film über irgendwelches rührseeliges Geschnulze war offenbar ansprechender, als verzerrte Wahrnehmungen rumgeschubster Menschen in heimischen U-Bahnschächten. Vielleicht war ihr Werk der ehrbaren Jury auch nur zu ehrlich. Dabei hatte Cassidy ihre filmischen und technischen Mittel weit überzeugender ausgereizt als die Mitleids-Queen. Nach der folgenden, sehr langen Nacht steckte Mr. Goodguy Lucas nach dem Unterricht mit ihr und einer Idee die Köpfe zusammen und ließ sie eine Woche darüber schlafen. Am Ende verhungert man an Film und Kunst, wenn man sich von Anfang an nur auf sie verlässt, anstatt sie reifen zu lassen. So entschied sich Cassidy für den Anfang ihrer Karriere für den Skandal- und Katastrophenjournalismus: Wenn das Geld für Anspruchsvolleres noch nicht reicht, dann eben den Gutbürgern die hässlichen Seiten unserer Gesellschaft auf diesem Weg unter die Nase reiben. Opfer von Diktaturen, Manipulation, Drogen, Gewalt und Gleichgültigkeit, vom Säugling bis zum Sibirischen Fleck-Ren. Rumkommen und keine Wurzeln schlagen, immer ein Nächstes, das gezeigt werden will. Mit Glück bewegt es sogar etwas. Es war zwar nicht ihre erste Wahl, aber wenigstens etwas, das die Uhren nicht stillstehen lässt. Wie immer fängt jeder klein an, und wenn es mit einem phänomenal niedrig aufgelegten Outsiderblatt ist, in der die steigende Selbstmordrate der Oberschichthausfrauen diskutiert und über eigens organisierte Demonstrationen gegen was auch immer berichtet wird. Immerhin, es ist ein Anfang. Einige dieser Demos waren sogar nicht übel, Cassidy ließ sich u.a. vorigen Sommer mit weiteren Leuten an die Halfpipes auf dem großen Skate-Park ketten, der für einen neuen Walmart planiert werden sollte, und zwei Monate später haben sie einem Pelzhersteller soweit nachspioniert, dass sie sehr unerfreuliche Aufnahmen machen konnten. Dort hat sich ihr meist sportlicher Dress im Press-Biz das erste Mal bezahlt gemacht, denn an diesem Abend musste sie sich sehr plötzlich sehr schnell sehr weit weg begeben. Der Bericht hat sich sogar bis in die echte linke und ökologische Lokalpresse durchgesetzt und sie hatte sich dabei die ersten echten Frei-Reporter-Dollar für die Abzüge verdient. Inzwischen geht sie kaum noch aus dem Haus, ohne sich wenigstens mit ihrer Schnappschuss-Kamera und ihrem Diktiergerät zu bewaffnen. Man weiß ja nie. Sonst hätte sie wohl auch nie das Gerücht über Misses Unschuldslamm-Taschenträgerin und Mr. Fawlty, einem noch nicht ganz angestaubten Geschichtsdozenten, bestätigen können. Es war ein glücklicher Zufall und weder hat sie die Schüsse jemandem gezeigt, noch würde sie es jemals ausnutzen, aber ihr Ego war seitdem um zwei Meter größer.

Sie ließ sich also auf den erstbesten Stuhl des Hörsaales plumpsen und hatte ein „Hast’ mal was zum Mitschreiben?“ schon ausgesprochen, bevor sie überhaupt darauf acht gegeben hatte, wen sie sich für die nächsten zwei Stunden als Nachbarn ausgesucht hatte. Lesley Barnes, der den Eindruck eines übereifrigen Wettersprechers machte, der es nicht ertragen kann, wenn ein anderer als er zackiger das kommende Tief Emanuelle anzukündigen fähig war, machte einen seufzenden Gesichtsausdruck, musterte skeptisch ihr Outfit von halblangen Cargos, dicken Wanderstiefeln und einem Shirt, dessen Kragen von ihr mit einer Schere weiter ausbequemt worden war und unter dem sie offenbar keinen BH trug. (Cassidy war ohnehin der Meinung, dass sich das bei ihr nicht lohne und daher verschwendetes Geld wäre – außerdem beschere so etwas den Jungs unnötig peinliche Momente). Sein Blick blieb an den Respekt gebietenden Schweißflecken unter ihren Achseln kleben. „Willst’ ne Nase?, ganz frisch, astreiner Stuff.“ Er rümpfte die Nase und zog eine Augenbraue hoch. „Deine Eltern haben dir wohl ’ne Schweißdrüsen-OP zum Geburtstag spendiert, wie?“ Und mit einem überzuckerten Lächeln fügte sie hinzu: „Also, gibst du mir nun was zu Schreiben, Lesley – Bitte?“ Er schob ihr augenrollend ein paar Blätter Papier und einen Kugelschreiber zu und wandte sich angesäuert wieder dem Podium zu. Dr. Charleston betrat den Saal, die Vorlesung begann und bis zum Ende der Einheit drehte Cassidy ausdauernd, den Kopf zu Lesley geneigt, an ihrem Nasenpiercing und klackte immer mal wieder – für ihren Sitznachbarn gerade noch hörbar – den Metallring in ihrer Zungenspitze gegen die Schneidezähne.

Nach der Uni zügig nach Hause, unter die Dusche und weiter zur Blitz-Pizza. Der Job war eigentlich gar nicht so schlecht, Cassidy hatte am Ende der Schicht meistens ein gutes Trinkgeld zusammen und sie musste sich keine Gedanken über’s Mittag- oder Abendessen machen. Auch, wenn fünf Tage in der Woche anstrengend werden konnten, wenn man keine Wahl hatte. Wenn sich allerdings das schlechte Karma, das sie offenbar in der letzten Zeit angesammelt hatte, entscheidet, sich an einem einzigen Tag zu entladen, dann macht es das gründlich. So gründlich, dass Cassidy ein Teil ihrer Lieferung samt der Box kackdreist mittels einer Brechstange und anderem Handwerkszeug, das man als Ghetto-Spast im Handtäschchen hat, vom Roller abgegriffen wurde, während sie eben im sechsten Stock angekommen war, zu Fuß, weil in diesem Stadtteil die Aufzüge permanent außer Betrieb sind. Vielleicht hätte sie das mit dem Tennisball im Auspuff doch besser lassen sollen.. Der Rest war das Übliche: empörte Kunden, rasender Häuptling, schäumend ob der empörten Kunden, der Konfrontation mit der Versicherung und der verfuckten Asi-Jugend, und eine Cassidy, die einfach nur schnellstens nach Hause schlafen gehen und sich freuen wollte, dass der Tag bald vorbei ist.

Als sie endlich mit etwas Futter für den ausgezehrten Kühlschrank und einer halb aufgegessenen, kalten Blitz-Pizza in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung ankommt, ist es schon gegen 20:00 Uhr. ’Zu Hause – bahhh. Endlich Schluss mit diesem Affentheater, ihr könnt mich heute alle mal.’ Während sie die Sachen in den Kühlschrank räumt und den Rest Pizza in den Mikrowellenklotz schiebt, wird erstmal ein noch kühles Bier draußen behalten und genüsslich gekillt. Um diese Zeit müsste Jay eigentlich schon zu erreichen sein, Cassidy überlegt, ihn anzurufen. Jay war ihr Freund oder Ihr Techtelmechtel oder wie man es bezeichnen will. Sie lernten sich vor vier Monaten auf einem Crash-Heads-Konzert kennen, auf dem er brutal in sie reinpogte und erst erkannt hatte, dass sie das nicht sehr gefreut hat, nachdem sie ihm eine herzliche Headnut verpasst und ihm klar gemacht hatte, dass er ihr ein Bier schuldet. Er war unheimlich attraktiv, charmant, wenn er wollte, durchgeknallt, ungebunden und ansteckend. Wie sich herausstellte, schlug er die Drums in der Band eines oberflächlichen Bekannten von Cassidy und er hatte gut was drauf. Eigentlich war ein Traumtyp, sie hatten viel gemeinsam und hatten in jeglicher Hinsicht viel Spaß miteinander. Allerdings war er ein Blatt im Wind, und obwohl beide nicht festgelegt sein und einfach eine geile Zeit haben wollten, vermisste Cassidy etwas, auf das sie bisher nicht viel Wert legen wollte: Sicherheit, sich darauf verlassen können, eine gewisse Regelmäßigkeit. Er war auf eine egoistische Weise so unzuverlässig, dass Cassidy oft enttäuscht auf der Strecke blieb, wenn er an einem ihrer freien Abende wieder absagte oder einfach nicht aufkreuzte und sich im Nachhinein entschuldigte. Sie sah es ihm auch nach Streit und Tränen bisher immer nach, weil sie selbst viel Freiheit brauchte und sich nicht von anderen einengen lassen wollte. In letzter Zeit allerdings, war es so frustrierend, dass sie tatsächlich darüber nachdachte, ihm bei seinem nächsten Fehltritt ein Ultimatum zu stellen. Naja, aber wenigstens das kommende Wochenende würden sie nur für sich allein haben. Sie hatten sich vorgenommen, auf dem Motorrad eines Freundes in den nächsten kleineren Ort zu fahren, wo es mehr grün gibt, wieder in den Ästen von Bäumen liegen, wie sie es gern tat, auf den Dächern spazieren gehen, unter freiem Himmel ein Zelt aufschlagen und einfach ausspannen. ’Ja, das wird ’n scharfes Wochenende’, dachte sie sich und griff nun doch zum Hörer. Vor dem Einschlafen nochmal seine Stimme zu hören, würde diesen miesen Tag schneller vergessen lassen. Da fiel ihr auf, dass das Lämpchen am AB leuchtete. Es musste schon die ganze Zeit über geblinkt haben, aber sie hatte es im Stress völlig übersehen. Sie drückte auf den Play-Knopf.

„Hey Cassyschnäuzchen, ich bin am Wochenende mit den Jungs ne Tour durch die Gegend machen. Ich komm wohl so Dienstag wieder. Vermiss’ dich, Baby! Sei brav und mach dir schöne Tage! Ich freu mich schon auf nächste Woche, nur du und ich – ciao!“

FUCK!! Das konnte doch nicht sein, dieser Idiot! Er hatte tatsächlich das Datum verpeilt! Wütend und dem aufschießenden Frustflennen nah, warf Cassidy beinahe den Hörer aus dem geöffneten Fenster, besann sich eines besseren und nahm die bierleere Flasche. Es klirrte laut, als sie – von einem Laut der angestauten Enttäuschung begleitet – im Hinterhof zerschellte. Cassidy riss ihre Jacke an sich, nahm sich ein zweites Bier mit auf den Weg, warf die Tür knallend hinter sich zu und radelte wie eine Furie zum verfallenden Gebäude einer lange stillgelegten Fabrik auf dem einen Kilometer entfernten Industriegelände. Dieser Ort war einer ihrer Lieblingsplätze. Hier kam niemand hin. Er war verlassen und schäbig, auch etwas unheimlich, wie rottige Gebäude es immer sind und trotzdem breite es die Arme für jeden aus, der einfach seine Ruhe haben wollte, raus aus dem Sumpf. Selbst im Dunkel fand sie schnell den Weg auf’s Dach, hier erkannte sie mittlerweile jede Treppenstufe und jeden Raum blind. Sie legte die Jacke auf die steinstaubige Fläche, ließ sich darauf nieder und blickte weit weg. Es ist wahr, sie waren beide Wolfskinder, und sie ähnelten sich, als wären sie aus einem Wurf. Sie wollten frei bleiben und sich nicht für irgendjemanden oder irgendetwas biegen lassen, und sie sah nicht ein, wieso sie das vorbeiziehen lassen sollte. Aber Wölfe sind Rudeltiere, das galt auch für Cassidy. Und sie verdiente besseres, als den ewigen Streit, als lonesome one abgeschoben zu werden und mit seinem Rudel zu konkurrieren. Auf diesen ständigen Kraftakt konnte sie verzichten. Wie weit wären denn bitte Bonny und Clyde so gekommen? Die wären ja nach ihrem ersten Bruch niedergeschossen worden. Sie ließ das Bier ungeöffnet neben sich stehen und schaute frustriert, entschlossen und mit feucht-trotzigen Augen den Horizont an. ‚Hau doch ab, von mir aus brauchst du nicht wieder zu kommen’, war ihr Gedanke. ’Du bist nicht das einzige andere Wolfsblut in dieser Stadt, und bis ich es gefunden habe, streife ich eben allein durch die Straßen.’ Der Himmel über ihr war klar und sternenlos, der Mond stand halb voll. Sie stützte sich mit den Händen nach hinten hin ab, holte tief Luft und ließ ein letztes Mal für diese Nacht Ihren gesamten Frust raus.

Als sie nach ungefähr einer Stunde um einige Flüche leichter und um eine Entscheidung schwerer grad ihre Wohnungstür betreten wollte, sah sie, wie der durchgeknallte Schwarze auf halber Treppe aufwärts eine ziemlich kleine, hutzlige Oma mit einer Fuchsstola und orange-rot gefärbtem Haar verabschiedete. Er blickte Cassidy wie immer verklärt lächelnd an, nickte einmal halb mit schief gelegtem Kopf und wünschte einen guten Abend. Er wandte das Wort eigentlich an die Alte, blickte stattdessen jedoch Cassidy an. Dabei versah er seinen Gruß mit einem dezent fragenden Tonfall, den die meisten wohl überhört hätten. „Geht so. Was auch immer.“, gab Cassidy tonlos zurück, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen, drehte den Schlüssel zweimal herum und schob den Riegel vor. Eine Angewohnheit von ihr, gegen die, denen es nicht egal ist, ob sie gehört werden oder nicht. ‚Scheißschräge Freaks, verdammt. Fuck. Ach, ihr könnt mich alle mal.’ Cassidy beförderte das Bier rüde zurück in den Kühlschrank, tastete ihr Kopfkissen nach etwaigem Hartplastik ab und warf sich hundemüde auf’s Bett.

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