The Big Easy

Kühle Nächte

Ein Stück über Cassy

Bevor sie sich aufmachte, hinterließ Cassidy noch eine Notiz auf Gerald’s Theke:

Bin in ein paar Nächten wieder da.

Falls ihr schon weg seid, legt mir ’nen Zettel hin oder tagt schon mal ’n bischen die Häuser zu.

At Phil: Wenn du Bock auf Videosession hast: Kleine, schwarze Umhängetasche unter dem Rucksack. Niemand außer G-Man oder Lawrence rühren sie an, wer sie schrottet, ist ein toter Mann.

Seid bitte vorsichtig mit meinem Fotoentwicklungszeug.

Dann ging sie hinaus in die Nacht. Die anderen müssten jetzt aufwachen, sie selbst war schon etwas eher wach geworden als sonst. Die Unruhe der letzten Tage war immer wieder in ihr aufgewallt und auch, wenn sie es sich vor den anderen nicht anmerken ließ, war sie über so einige Geschehnisse seit ihrer Ankunft in New Orleans oder eher seit ihrer Neugeburt noch nicht recht weggekommen. Ihr kamen immer wieder Bilder in den Kopf, die traurig-bittere Mine von Alice, die sich selbst ihre Tat nicht verzeihen wollte, die Nachricht, die Cassidy ihr in naiver, fester Hoffnung, sie wiederzusehen, auf ihre Matratze gelegt hatte, der verrottete Hooper zu ihren Füßen und sein Blut in ihrer feuchten Kleidung, der unterkieferlose Spast in ihrem Keller, Phil, aus dessen Bauch die Gedärme quollen bei starrem Blick und manches andere. Sundown und Konsorten würden darüber wohl nicht mal mit der Wimper zucken. Aber mit Menschsein war es eben erst seit zwei, drei Monaten Sense, was will man da erwarten.

Sie wollte jetzt endlich mal für sich sein, und wenn auch nur für ein paar Nächte. Kleiner Spalt, sich selbst auf die Spur zu kommen. Jetzt, wo sie unterm Asphalt übertagen konnte, sollte das kein Problem sein. Und so schwer konnte es auch nicht sein, solo zu jagen. Matty und die Meadows kamen schließlich auch allein klar. Die Meadows, ja.. Aber das war noch ein zwar Neugierde erregendes, aber anderes Thema. Die kühle Nachtluft strich ihr durchs Haar während sie in die 53te einbog. Solang es noch früh genug war, sollte sie sich etwas überlegen, damit sie zu einem kleinen Snack kommen konnte. Irgendwo hier musste es doch genug junge Leute geben, die einen drauf machten, um sich mit einem der Gutaussehenderen oder wenigstens Passablen in eine schummerige Ecke verdrücken zu können.. Zwei Stunden später und um das über den Tag verlorene Blut reicher streifte sie weiter durch ihr Revier. Was nun? Sie dachte wieder an Matty, und dass sie ihm eigentlich mal wieder einen Besuch abstatten könnte. Es war zwar jedes Mal etwas anstrengend, durch sein Gestammel nicht den Faden zu verlieren, aber seine unkomplizierte, simple Natur war eine echte Erholung bei dem ganzen Chaos, in das die sechs ständig gerieten. Mal runterkommen, sich erden, so was in der Art. Außerdem tat es ihr gut, zu spüren, dass jemand dankbar war einfach nur, weil sie da war. Und nun, wo sich einen kleinen Pfadfinderurlaub nahm, könnte sie sich eigentlich wieder mal etwas von ihm abschauen – Alice kam ihr in den Sinn. Cassidy war immer noch beeindruckt von der grimmigen zerbrechlich anmutenden Frau, die ohne Anstrengung einen Metalltisch mit ihren brutalen Klauen zerteilte wie ein Stück Butter. Einerseits fand sie es richtig scharf, selbst ihre Hände zu solchen durchschlagenden Argumenten verwachsen lassen zu können. Aber es mahnte sie auch unwillkürlich an die Nacht, in der sie die Kontrolle verlor. Ihre von den kurzzeitig gebrochenen Rippenbögen immer noch zerrissenen Organe auf ihrer linken Körperhälfte waren ein Andenken daran. Zwar hat sie dem armen Hooper nicht absichtlich die Kehle herausgerissen. Aber man muss auch lernen, Dinge zu kontrollieren, für die man nichts kann. Und was aus diesem Rick hätte werden können, wenn sie im Kampf ausgetickt wäre und das mit den Klauen schon drauf gehabt hätte – ’n hübsches rottes Steak wahrscheinlich. Inzwischen verstand sie Alice. Aber verdammt nochmal, ihr Tier war eben ungezähmter als andere, und warum sollte sie ihrer Herkunft den Hals abdrehen! Ihre Erzeugerin und ihr Freund und Mentor hatten sich auch im Griff, ohne unterzugehen oder zum kastrierten Plüschterrier zu werden. Und was ist da angemessener, als sich mit seinen naturgegebenen Waffen zu verteidigen, wenn es hart auf hart kommt. Hin und her gerissen wallte Trotz in ihr auf. Und schon fand sie sich festen Schrittes in den Straßen der obdachlosen Schützlinge von Matty und fragte sich durch zum einsamen Beschützer.

’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’ Durch die kühlen Straßen, Gassen und Dächer führten Ihre Schritte und langsam wurde ihr klar, dass sie wirklich ein Ziel brauchte, ein Streben. Lawrence hatte sein Fernstudium und die Bücherstöberei bei Koko und Opal, Tim hatte ein Buch und einen Regenschirm, Phil eine Liebhaberin (der Glückliche) und Ethan hatte auch irgendwas am Laufen, worüber er sich ausschwieg. Sicher gäbe es irgendetwas, was man aus Sicht des eifrigen Schreiberlings mit den anderen Carthianern auf die Beine stellen könnte. Aber über die Bewegung war vorerst alles gesagt und nach Politik war ihr momentan weniger. Ein merkwürdiges Gefühl eigentlich, aber in den letzten Wochen fiel ihr auf, dass eben das schon mal interessanter für sie war. Ob das auch eine Folge der Verwandlung war? Aristokratische Verdummung für Flachgeistkonversation mit Raben? War das ein fairer Tausch? Darüber musste sie noch grübeln. Hat ja auch sicher seine guten Seiten, irgendwo.. Wo war sie grad.. – Ah ja: Macht und Ränkespiele, ein aufwendig verhakeltes Wer-mit-Wem und was für Energien dafür aufgebracht wurden, kompliziertes Gehader.. Nein, irgendetwas Praktischeres, Unmittelbareres musste her. Was Gutes, ab von diesen ganzen heißen und kalten Kleinkriegen. Langfristig eine Kartei über den ganzen Rotz, den die Starken hier mit den Schwachen veranstalteten? Einfach um der Wahrheit wegen, die zwar jeder kannte, aber wegsah oder sie ausnutzte. AUßerdem schadete es nie, zu wissen, wer welchen Dreck am Stecken hatte. Und kurzfristig.. ihr stellten sich immer noch die Nackenhaare auf, also wenigstens würden sie es, wenn ihr Körper diesen Reflex noch zeigen könnte, wenn sie sich vorstellte, wir die vier Spasten auf ihren guten Freund eindroschen. Sowas hatte sie schon als normaler Mensch stinkwütend gemacht. Und wenn man vielleicht mehr machen könnte, als nur einzugreifen, wenn sie in eine solche Szene stolperte? Schließlich war ihre Kamera verdammt gut, ebenso die lichtempfindlichen Filme. Und aus einem sicheren Winkel heraus mit genügend Freiraum zum Verduften.. Hm, vielleicht sollte sie mal Ethan drauf ansprechen, der kennt sich mit den Arbeitsweisen von Polypen besser aus. Oder mal wieder Filmkritiken und Konzertberichte schreiben, das wäre groß.. Aber bei der Terminplanung in dem Laden hier, naja. Aber zumindest ab und an musste das drin sein können. Sie müsste nur noch den freundlichen Redaktionsmenschen von nebenan aufgabeln. Überhaupt fehlte es ihr, unter Menschen zu sein, einen bunten Haufen an jungen Leuten um sich herum.. Feiern, anlehnen, ablenken und das alles. Naja, Menschenkram halt. Wie bescheuert das klingt. Als ob sie keiner mehr wäre, nur weil ihr Körper ein bisschen toter war als andere! Und da war er schon wieder, der Trotz. Sie umschloss den Anhänger von ihrer kleinen Schwester in der Hosentasche und spürte den warmen, glatten Stein in der Mitte. Wenn die anderen nicht wären, hätte sie inzwischen sicher so arg einen an der Marmel wie Pearl oder die Meadows. Mann, die Frau muss echt einsam sein. Wer zu lang als Einzelkämpfer unterwegs ist, verläuft sich früher oder später. Vor allem, wenn man enttäuscht wurde. Irgendwas war da doch..

Aber hin oder her, langsam wurde es auch Zeit, wieder ins traute Heim zurückzukehren. Mal sehen, ob die Jungs noch da waren. Wehe, wenn der Umzug schon durch war und jemand ihre Sachen auch nur schief angesehen hatte.. Der würde sich auf was gefasst machen müssen!

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Dementius

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